Wozu dieser Blog…

In ihrem Blog Kaiserinnenreich (man möge es googlen) berichtet eine Mutter von ihrem Leben und Alltag mit einem behinderten Kind. Und zwar anscheinend schwerstmerhfachbehindert. Da sind Aufgaben in ihrem Alltag, wo ich mich eigentlich mit meinem Kleinkram trollen sollte. Und dennoch, es gibt viele Anknüpfungspunkte zum Thema Alltagsrassismus. Jetzt habe ich sehr große Gewissensbisse, auch nur im Ansatz Parallelen zu ziehen zwischen Menschen, die tatsächlich mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben müssen, und solchen, denen überhaupt nichts fehlt. Bei denen man sich in der Schwangerschaft schon darauf freute, dass sie genau so sein werden, wie sie dann auch wurden. Andererseits gibt es die Parallele, dass beide äußerlich von einer unsichtbar geltenden Norm abweichen und deshalb immer wieder dumme Situationen und Diskriminierungen abkriegen müssen. Wir sprechen immer von Diversität und denken an die kleinen armen Minderheitengruppen von Menschen, die irgendwie „anders“ seien und die ja auch akzeptiert werden sollten. Dabei gehört die große Mehrheit der Menscheit in diese nicht-Norm Gruppen, sei es als Frau, als junge_r Mutter bzw. Vater, als Behinderte_r, als Alte_r, als Jugendliche_r, als Arbeitslose_r, als prekär Beschäftige_r, als Mensch of color, als Migrant_in, als Dicke_r und noch viel mehr… Aber eigentlich will keiner in die Gruppe derer, die gesellschaftlich schwächer darstehen, gehören. So vermeiden alle, die sich für das eine oder andere o. g. Diskriminierungsthema einsetzen, mit den anderen in ein Boot geworfen zu werden, denn man will ja eigentlich betonen, wie sehr man doch in allen Eigenschaften „bis auf das eine“ zu der Norm-Gruppe mit der Stärke- und Machtkonzentration gehöre. So kämpft dann auch jede Gruppe für sich allein und tritt im übertragenden Sinne gerne nochmal nach links und rechts. Leider zerstören wir uns doch damit die eigenen Argumente im Kern, wenn wir nicht die grundsätzliche individualisierende, ökonomisierte, normierende und wettkampforientierte Menschensicht anzweifeln, sondern sie im Grunde selbst unterstützen. Wir schreien quasi ja zu den Regeln, wollen aber nur für uns selbst eine einmalige Ausnahme für unsere bestimmte Ausprägung der Nicht-Norm , damit wir trotzdem auch auf die Priviligiertenseite kommen. Na supii…

Studieren ohne Motivation…

Meine Tante ist gerade dabe sich selbst zu finden und im Zuge dessen gleich die ganze Familie mit. Teil ihrer „Maßnahmen“ sind Nachrichten auf dem Handy mit motivierend-erhellenden Aussprüchen.

Ich sitze gerade ohne jegliche Motivation an einer Hausarbeit, die diese Woche noch fertig werden muss, was angesichts meines aktuellen Schreibtempos quasi unmöglich scheint. Da piept das Handy: „This is your life. Do what you love, and do it often. If you don’t like something, change it. If you don’t like your job, quit. If you don’t have enough time, stop watching TV. […] Stop over-analysing. All emotions are beautiful. […] Life is simple. Life is short.“

Hmmm, ich mag definitiv nicht gerne Hausarbeiten schreiben, eigentlich nervt mich das ganze Studium mittlerweile, obwohl ich vor langer Zeit mal sehr begeistert dabei war…aber zählt das Studium als Job? Kann ich es abbrechen, statt des „Augen zu und durch“-Prinzips, welches ich eigentlich gerade fahre? Irgendwie scheint mir das nicht gerade als richtige Lösung.

Aber was kann man tun, wenn man merkt, dass das Studium nur noch deprimiert, dass man endlich fertig werden und weitergehen möchte. Wenn das Gehirn nur noch leer ist, Gedanken unzusammenhängend herumschwirren und nicht mehr -wie früher- von selbst irgendwann eine sinnvolle Kette bilden, die man niederschreibt um dann zufrieden die fertige Arbeit abzuschicken.

Ich mag eigentlich nicht gerne den ganzen Tag alleine am PC sitzen und endlose Seiten schreiben. Selbst, wenn sie danach tatsächlich von anderen gelesen und genutzt werden würden (wäre ja schon ein Fortschritt gegenüber der aktuellen Schubladenfüller-Staubfänger Zukunft der Texte). Trotzdem macht es mir immer noch keine Freude, keine Zufriedenheit, keine noch so kleine Annehmlichkeit.

Und auf der anderen Seite sind da noch mittlerweile fast 3 Jahre Schlafmangel und gefühltes Dauerstillen, von anderen mütterlichen Stressoren ganz zu schweigen (z. B. ständiger selbsterzeugter Druck, dass die moderne Mutter heute mit links Kind, Familie und Beruf wuppen kann. Alle sagen und schreiben ja ständig, dass es zwar nicht ganz einfach aber doch ganz toll möglich sei).

Es ist (mir) ja klar, dass ich natürlich nicht irgendwann nur noch wickeln und kochen als Lebensinhalt haben möchte. Und -Gott bewahre- dass ich niemals den Großteil meiner Gedanken dem Sauberkeitszustand und Dekorationsbedarf meiner Wohnung widmen möchte, aber kann das nicht mit einer zumindest ansatzweise angenehmen Tätigkeit verbunden werden? Muss es das PC-Leben sein?

Von den Ratschlägen meiner Tante werde ich wohl nur das mit dem Fernsehen beherzigen, den Rest heb ich mir höchstens auf für die Zeit nach dem Abschluss, wenn die Angst vor dem Hausfrauendasein es geschafft hat mich noch bis dahin zu treiben, bevor ich verzweifle. Wirklich sinnvolle Lösungen lassen sich eben selten auf Motivations-Postkarten finden…

Schutzmaßnahmen für neue Orte.

Heute war es mal wieder so weit. Nachdem ich seit mehreren Tagen, vielleicht Wochen nur in bekannten Orten war und mit bekannten Menschen zu tun hatte, verdrängte ich die Notwendigkeit jeglicher mentaler und anderer Vorbereitungen und ging mit Fieber, Kopfschmerzen und Kind zur feierlichen Stipendiatenfeier an meiner Uni.

Hmm, es gab doch tatsächlich keine_n einzigen Stipendiat_in, der oder die nicht deutsch-deutsch seit gefühlten mindestens 10 Generationen ist. Naja, hatte mir schon gedacht, dass die angebliche positive Berücksichtigung eines „Migrationshintergrunds“ nur pro-forma in der Ausschreibung stand. Und dank struktureller, institutioneller und individueller Diskriminierungen ist es für diese Zielgruppe sowieso mehrfach schwerer die Noten- und Ehrenamtsanforderungen eines Stipendiums zu erfüllen, dass diese Aspekte stark überbewertet.

Ok, nun ist also das offizielle Prozedere vorbei, und alle begeben sich zum Sektempfang mit Häppchen. Eine handvoll Kinder ist auch dabei und hüpft zwischen Anzug- und Kostümträgern_innen herum. Da dauert es gerade mal 2 Minuten -ich hab noch nicht mal ein Glas und ein Schnittchen in der Hand, da pirscht sich eine andere Studentenmama mit blondem Kindchen im Schlepptau von hinten an uns heran: „Ach Gott ist das ne Süße, wie alt ist sie denn?“ Ja, sie hat es geschafft diese ganz unverfängliche Frage zu stellen, bevor sie mich dann überrollte: „Meine Tochter, die mag die dunkelhäutigen Kinder so sehr. Ich weiß gar nicht, woher sie das hat. Immer will sie mit denen spielen. Bei ihr im Kindergarten gibt es auch zwei Dunkelhäutige Kinder, da ist sie die beste Freundin von“ Zu ihrer Tochter, die mein Kind den gesamten Abend über nicht einmal näher beachtet, weder ansieht noch auf die Ermunterungen der Mutter hört „doch mal hinzugehen und hallo zu sagen“, und etwas von ihrem Essen abzugeben. Ich bin mal wieder vollkommen perplex! Muss ich wirklich mit jedem unbekannten Hans und Franz die Hautfarbe meines Kindes diskutieren?? Und dann noch in seiner Gegenwart, in einem Raum mit ca. 50 weißen Menschen und keinem einzigen ? Was mich so wirklich wütend macht, ist, dass ich ihr nichts Fieses geantwortet hab, a la „Sorry, aber mein Kind kann kleine Blondchen nicht ausstehen“. Nein, ich war nett, verständnisvoll und wusste nicht, was man darauf noch antworten soll. Argh!! Nächstes Mal muss ich mich gedanklich besser vorbereiten, aber leider kommen so rassistische Auswüchse meist in so einem selbstverständlichen und pseudo-gut-gemeinten Gewand daher, dass mir dann nie die richtigen Erwiderungen einfallen (Othering, Grenzüberschreitung, Reduzierung einer individuellen Person auf bestimmte Merkmale, die sterotypisiert stellvertretend für eine ganze Gruppe gesehen werden, etc), nur unterdrückten Ärger spüre ich dann im Überfluss. Es tut mir danach dann wahnsinnig leid für mein Kind, dass ich nicht besser schützen konnte. Es regt auch an die Angst in mir, nein der erschreckenden Gewissheit, dass mein Kind in einigen Jahren in dem Alter sein wird, dass es solchen und viel schlimmeren Vorfällen alleine ausgesetzt sein wird.

Mein Abend war damit nun gelaufen, und nach relativ kurzer Zeit, in der ich versucht hab größtmögliche Distanz zwischen uns und dieser Frau zu bringen, sie uns aber leider folgte und nicht aufhörte weitere Kommentare zu machen (z. B. zu „diesen großen dunklen Augen“, oder dass sie ja „damit kein Problem habe“ (wtf??)), verliess ich dann entnervt die ganze Veranstaltung.

Erstes Posting: Zweites Erwachen

Letztes Jahr im Frühsommer hörte ich erstmals davon, dass man so etwas wie eine zweite Pubertät haben kann, in der man sich mit seiner gesellschaftlichen Positionierung auseinandersetzt und entscheidet, was man daraus machen will.

Bei mir wäre das z. B. was es heißt Frau zu sein, Arbeiterkind, Kindheitstraumatisierte, deutsch und weiß.

Die ersten beiden Punkte sind mir nicht so neu, den 3. Punkt bearbeite ich schon eine Weile, doch über die letzten beiden Aspekte muss dringend mehr gesprochen werden. Mir scheint, dass es ein kollektives Trauma der Geschichte in unserer Gesellschaft gibt (mich eingeschlossen) – und zwar das der Nazi- und der Kolonialzeit. Es fühlt sich schon komisch an, über all diese Begriffe zu schreiben, doch das scheint mir nur zu bestätigen, dass es noch Sachen gibt, über die „man nicht spricht“. Also dem eigenen Gefühl nach.

Mir ist dieses Problem klar geworden, weil ich mich fragte, wie es ist Schwarz zu sein, insbesondere in Deutschland. Doch sollte ich dann als weiße Person nicht erstmal fragen, was es heisst weiß zu sein? Was ist damit verbunden, welche Sichtweise habe ich und wie wirke ich dadurch?